Frührehabilitation nach Schlaganfall: Warum der Zeitpunkt zählt
Die ersten Tage und Wochen nach einem Schlaganfall sind eine Zeit intensiver Veränderungen im Gehirn. Den richtigen Zeitpunkt und die richtige Art des Rehabilitationsbeginns zu wählen, ist eine der wichtigsten Entscheidungen. Dieser Artikel gehört zu unserem Hauptleitfaden Rehabilitation nach Schlaganfall.
Früher ist besser, aber nicht um jeden Preis
Die Versorgung auf einer Stroke Unit, auf der ein interdisziplinäres Team vom ersten Tag an zusammenarbeitet, verringert Sterblichkeit und Pflegebedürftigkeit [2]. Leitlinien empfehlen, mit der Rehabilitation zu beginnen, sobald der Patient medizinisch stabil ist [3].
Eine große Studie zeigte jedoch, dass eine sehr intensive, hochdosierte Mobilisation innerhalb der ersten 24 Stunden die Ergebnisse nicht verbesserte und mit weniger günstigen Verläufen einherging als die übliche Versorgung [1]. Frührehabilitation bedeutet daher sanfte, häufige, gut dosierte Aktivität, angepasst an den Zustand des Patienten.
Weiterlesen: der Ratgeber „Schlaganfall“ sowie die Artikel Anzeichen der Erholung nach Schlaganfall und Teillähmung (Hemiparese): Ursachen, Behandlung und Rehabilitation.
Was geschieht in den ersten Wochen?
- Richtige Lagerung im Bett und Schutz der schwachen Schulter
- Schluckscreening vor Essen oder Trinken
- Vorbeugung von Druckgeschwüren, Thrombosen und Lungenentzündungen
- Sitzen, Stehen und erste Schritte, sobald es sicher ist
- Frühe Beurteilung von Sprache, Kognition und Stimmung
Warum der Zeitpunkt zählt
Die spontane Erholung ist in den ersten Wochen bis Monaten am schnellsten. Therapie in dieser Phase unterstützt die Reorganisation des Gehirns und beugt Komplikationen wie Kontrakturen, Schulterschmerzen und Dekonditionierung vor.
Was umfasst die Frührehabilitation?
Auf der Stroke Unit sind die ersten Schritte einfach, aber wichtig: richtige Lagerung im Bett zum Schutz der Schulter und zur Vorbeugung von Druckgeschwüren, regelmäßige Lagewechsel, Aufsetzen und Aufstehen, sobald der Zustand es erlaubt, eine Schluckprüfung vor dem Essen oder Trinken sowie Atemübungen. Kurze, häufige Einheiten werden langen, ermüdenden meist vorgezogen. Ziel ist es, Komplikationen wie Lungenentzündung, Blutgerinnsel, Gelenksteife und Muskelabbau vorzubeugen und mit dem Wiedererlernen von Bewegung zu beginnen.
Beurteilung in der Frühphase
Vor und während der Mobilisation kontrolliert das Team Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Wachheit und Kooperationsfähigkeit. Die PRM-Ärztin oder der PRM-Arzt beurteilt Motorik, Muskeltonus, Gefühl, Schlucken, Kommunikation, Blasenkontrolle und Hautzustand und plant den nächsten Schritt: stationäre, ambulante oder häusliche Rehabilitation. Nach der akuten Krankenhausbehandlung wird der gesamte Prozess am besten von einer PRM-Ärztin oder einem PRM-Arzt geleitet und begleitet.
Behandlungsmöglichkeiten im Überblick
- Lagerung und sanftes Durchbewegen (Gelenke durch ihren Bewegungsumfang führen) gegen Steifigkeit
- Training von Sitzbalance, Stehen und Transfers (vom Bett in den Stuhl)
- Frühes Gehtraining mit Unterstützung, wenn es sicher ist
- Schlucktherapie und angepasste Kostformen bei Bedarf
- Sprachtherapie bei Kommunikationsstörungen
- Frühe Beachtung von Stimmung und Erschöpfung
Was Angehörige in den ersten Wochen tun können
- Den Rat des Teams zur Lagerung und Unterstützung des betroffenen Arms befolgen
- Nicht am betroffenen Arm ziehen, wenn Sie beim Bewegen helfen
- Bequeme Kleidung und Schuhe für die Therapie mitbringen
- Mit dem Patienten sprechen, ihn ermutigen und Ruhephasen unterstützen
- Das Team fragen, welche Aktivitäten Sie gemeinsam sicher üben können
Wann Sie Ihre Fachärztin oder Ihren Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin aufsuchen sollten
Nach der akuten Krankenhausbehandlung wird der gesamte Rehabilitationsprozess am besten von einer Ärztin oder einem Arzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin (PRM) geleitet und begleitet. Auch zu Hause lohnt sich die Beratung durch eine PRM-Fachärztin oder einen PRM-Facharzt, die den Patienten untersuchen, Ziele festlegen und Therapie sowie unterstützende Behandlungen gemeinsam mit der Physiotherapeutin oder dem Physiotherapeuten und dem gesamten Team steuern. Bitten Sie um eine erneute Beurteilung, wenn:
- sich die Funktion verschlechtert statt verbessert oder die Fortschritte seit mehreren Wochen stagnieren
- neue Schmerzen, Steifigkeit, Schwellungen oder Stürze auftreten
- sich Stimmung, Schlaf, Schlucken oder Blasenkontrolle verändern
- Sie sich fragen, ob eine robotergestützte oder andere fortgeschrittene Therapie infrage kommt
Ob robotergestützte oder andere fortgeschrittene Therapien geeignet sind, entscheidet eine auf Neurorehabilitation ausgerichtete PRM-Fachärztin bzw. ein entsprechender PRM-Facharzt. Prof. Dr. Engin Çakar arbeitet in diesem Bereich und kann online oder persönlich konsultiert werden; andernfalls wenden Sie sich an eine PRM-Fachärztin oder einen PRM-Facharzt in Ihrer Nähe.
Rufen Sie sofort den Notruf bei plötzlich neuer Schwäche, hängendem Mundwinkel, Sprechstörung, sehr starken Kopfschmerzen oder Bewusstlosigkeit: Dies können Zeichen eines neuen Schlaganfalls sein.
Häufige Fragen
Sollten wir warten, bis der Patient kräftiger ist? Nein. Die Rehabilitation wird von Anfang an an das Niveau des Patienten angepasst; Warten führt oft zu Komplikationen.
Ist es zu spät, wenn die Frühphase verpasst wurde? Nein. Auch in der chronischen Phase sind Fortschritte möglich. Siehe Zeitlicher Verlauf der Erholung.
Ist frühes Aufstehen gefährlich? Die Mobilisation beginnt, wenn der Zustand stabil ist, und die Intensität wird an den Patienten angepasst. Sehr intensive Mobilisation in den ersten 24 Stunden hat sich nicht als besser erwiesen; deshalb wird der Zeitpunkt individuell festgelegt.
Kann Frührehabilitation auf der Intensivstation stattfinden? Ja, angepasste Maßnahmen wie Lagerung und passive Übungen werden dort oft begonnen.
Beurteilung und Kontakt
Sie können einen Termin oder eine Zweitmeinung zu vorhandenen Befunden und Bildern anfragen: Kontakt & Zweitmeinung (WhatsApp). Diese Seite enthält allgemeine Gesundheitsinformationen. Diagnose und Therapieentscheidungen erfolgen individuell nach einer Untersuchung.
Quellen
- AVERT Trial Collaboration group. Efficacy and safety of very early mobilisation within 24 h of stroke onset (AVERT): a randomised controlled trial. Lancet. 2015. PMID: 25892679
- Langhorne P, et al. Organised inpatient (stroke unit) care for stroke: network meta-analysis. Cochrane Database Syst Rev. 2020. PMID: 32324916
- Winstein CJ, et al. Guidelines for Adult Stroke Rehabilitation and Recovery: A Guideline for Healthcare Professionals From the American Heart Association/American Stroke Association. Stroke. 2016. PMID: 27145936